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Schreibwerkstatt

Schreibwerkstatt - oder die Kunst, sich und anderen mit Stift und Tastatur Freude zu bereiten

Schreiben kann etwas Wunderbares sein - und das in all seinen Varianten. Wir präsentieren hier Beispiele und zeigen Wege auf, wie man seinen eigenen "Stil" finden kann.

Fangen wir mit einer kleinen Satire an, die ein Schüler geschrieben hat, weil er das Protokoll einer Deutschstunde schreiben sollte. Wissen muss man dazu, dass seine Kurslehrerin Spaß versteht und er sicherheitshalber auch noch ein ordentliches Protokoll geschrieben hat.

Kreatives Protokoll
(für die Besprechung wie verlangt in Aufzählungspunkte gegliedert)

  1.  Zu Beginn der Stunde die provozierende Frage der Kursleiterin: "Woher holt der Dichter seinen Stoff?" Darauf die Antwort von dem im interkulturellen Dialog sehr erfahrenen Fynn: "Aus seinem Lieblings-Coffeeshop in Amsterdam!"
  2. Nach kurzer Irritation verlässt die Kursleiterin den unsicheren Boden moderner Schüleraktivierung und verteilt zunehmend freudestrahlend das erste Arbeitsblatt.
  3. Anschließend dürfen die Schüler sich die Mordfälle aus dem Umfeld von Büchners Woyzeck genauer anschauen und kommen zu dem überraschenden Ergebnis: "Der Dichter hat ja abgeschrieben!" Dieser völlig falsche erste Eindruck wird dann aber ausreichend relativiert und differenziert, wobei die Kurslehrerin sicherheitshalber die beiden Wörter an die Tafel schreibt und ihre Schüler fürsorglich auffordert, ihre "Wenn Wörter Freunde werden"-Listen zu ergänzen.
  4. Dann endlich ein Lichtblick: Weg vom Damals hin zu Gegenwart und Zukunft: "Wo gibt es heute noch Ausgrenzung und wie könnte sie sich einem schreiblustigen Dichter präsentieren?" Justin fühlt sich durch das Attribut ein bisschen provoziert, stoppt aber seinen Protest auf halber Strecke und fängt mit seiner Freundin und Banknachbarin Jana mit dem Schreiben an.
  5. Die Kurslehrerin nimmt das sehr wohlwollend und offensichtlich mit Förderabsicht wahr und gibt den beiden motivierten Schülern gleich Gelegenheit, ihre Ideen vorzutragen
  6. Leider haben sie die Aufgabenstellung doch sehr verengt. Die beim Hinweis auf Mobbing noch strahlende Miene der Kursleiterin verdüstert sich, als es um die Ausgrenzung von jungen Menschen mit extremem Schlafbedürfnis geht.
  7. Ganz erschrocken muss sie dann auch noch den Artikel 007 des vierten Anhangs der 12. Sitzungsperiode des UN-Menschenrechtsrats zur Kenntnis nehmen, dass zur Folter auch der Schlafentzug gehöre.
  8. An dieser Stelle nun zeigt sich, dass in diesem Kurs nicht nur alles offen angesprochen werden kann, sondern auch Diskussionen auf hohem Niveau möglich sind.
  9. Leider hat der Protokollant das nicht mehr mitgenommen, weil er den Artikel 007 ernstgenommen hat und entspannt weggeschlummert ist.
  10. Erst das Schellen riss ihn da heraus - erleichtert wurde ihm das Aufwachen durch Kevin, der ihm empfahl, sich doch direkt an die SV zu wenden, damit in der Schulkonferenz der Antrag gestellt wird, dass die Schelle abgestellt wird und die nächste Lehrerfortbildung sich mit der Frage beschäftigt: "Wie schaffe ich einen Übergang zwischen den Stunden, der dem Prinzip gerecht wird: In der Ruhe liegt die Kraft!?"

Beispiel für die kreative Erweiterung eines Gedichtes - am Beispiel von van Hoddis, "Weltende"

Wer sich nicht so auskennt ;-)
Die ersten beiden Strophen stammen wirklich von Jakob van Hoddis, auch wenn das nur ein Künstlername ist.
Die letzte Strophe haben wir dazu erfunden - Näheres wird auf dieser Seite erklärt.

https://www.schnell-durchblicken2.de/van-hoddis-weltende-erweitert

AB: Kreativer Umgang mit Gedichten zum Thema „Sehnsucht“
Nachdem wir uns lange genug mit der Analyse von Gedichten beschäftigt haben, sollten wir sie mal kreativ angehen. Denn wirkliche Kunst entsteht ja erst im Auge des Betrachters, bei Gedichten also, wenn man sie fortsetzt.

Aufgabe: Wähle eines der beiden Gedichte der Klausur und füge eine abschließende Strophe hinzu. Diese Strophe sollte gewissermaßen „auf der Verlängerung“ der vorhandenen Strophen liegen, darf aber durchaus einen eigenen Akzent setzen, er muss nur in sich stimmig sein.
Erst mal kommt es nur auf möglichst künstlerisch gestaltete Verszeilen an, im richtigen Rhythmus. Auf Reim kann verzichtet werden. Aber der Einbau des einen oder anderen künstlerischen Mittels wäre schön.

So könnte man vorgehen:
  1. Man macht sich erst mal klar, in welche Richtung das Gedicht geht – das ist nach der Klausur kein Problem.
  2. Dann überlegt man, in welche Richtung man das Gedicht noch weiterentwickeln könnte.  Dazu zwei Impulse, die ihr aber nicht aufgreifen müsst:
    1. Bei Lotz könnte man beim „Wind“ der letzten Zeile ansetzen und dann überlegen, was man macht, wenn er kommt, und was dann, wenn er nicht kommt. Interessant könnte auch sein, was denn die Funktion des Windes einnehmen könnte.
    2. Bei Eichendorff könnte man das Lyrische Ich zu der Erkenntnis führen, dass es jetzt lange genug anderen zugehört und sich in ihre Lieder hineingeträumt hat. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: wirklich selbst noch losziehen oder sich endgültig vom Fenster zurückziehen und beseligt ins Bett gehen bzw. sich auf die nächsten Wanderer freuen. Das kann durchaus ein bisschen ironisch gestaltet werden.

"Verlängerung" von zwei Gedichten zum Thema "Sehnsucht" (Lotz - Eichendorff)

Ernst Wilhelm Lotz / Lars Krüsand

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen
01 Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,
02 Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
03 Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
04 Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

05 Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,
06 Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,
07 Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,
08 Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

09 Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
10 Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
11 In einem wild gekochten Fieberland geboren.
12 Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

13 Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.
14 Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
15 Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.
16 Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.

17 Und kommt er nicht, wir warten auch nicht ewig.
18 Wir suchen Ferne halt im Nahen hier.
19 Wir wandern raus, bei Nacht und selbst bei Regen
20  Wer schlägt sich durch, gewinnt auch was für sich.


Joseph von Eichendorff / Lars Krüsand

Sehnsucht

01 Es schienen so golden die Sterne,
02 Am Fenster ich einsam stand
03 Und hörte aus weiter Ferne
04 Ein Posthorn im stillen Land.
05 Das Herz mir im Leib entbrennte,
06 Da hab ich mir heimlich gedacht:
07 Ach, wer da mitreisen könnte
08 In der prächtigen Sommernacht!

09 Zwei junge Gesellen gingen
10 Vorüber am Bergeshang,
11 Ich hörte im Wandern sie singen
12 Die stille Gegend entlang:
13 Von schwindelnden Felsenschlüften,
14 Wo die Wälder rauschen so sacht,
15 Von Quellen, die von den Klüften
16 Sich stürzen in die Waldesnacht.

17 Sie sangen von Marmorbildern,
18 Von Gärten, die überm Gestein
19 In dämmernden Lauben verwildern,
20 Palästen im Mondenschein,
21 Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
22 Wann der Lauten Klang erwacht
23 Und die Brunnen verschlafen rauschen
24 In der prächtigen Sommernacht. –

25 O Gott, jetzt merk ich es selbst hier.
26 Den Mädchen geht es wie mir:
27 Sie lauschen und warten und warten ...
28 Es bleibt nur die Sommernacht.
29 Den Koffer, den pack ich ganz schnell jetzt.
30 Den Weg der Gesellen ich merkt’ mir.
31 Ich geh ihnen nach und bereit mich
32 auf gute Gesellschaft gleich vor.


Anmerkungen zu dieser Lösung:
  1. Grundlage der Lösung ist die Idee, den Wind als Ausgangs- und Ansatzpunkt zu nehmen. Darauf kann man leicht kommen, weil er ja am Schluss eine besondere Rolle spielt – einfach deshalb, weil er es ist – bzw. der Impuls, der damit gemeint sein kann -, der die Realisierung all der aufgeführten Träume ermöglicht.
  2. Die nächste Idee ist dann die, diesen Wind einfach mal ausfallen zu lassen – dann geht es um die Frage, wie geht man damit um. Wir haben uns dafür entschieden, die Grundidee dieser Träume beizubehalten, sie aber aus der Ferne in die Nähe zu verlagern. Das entspricht der romantischen Idee, auch die Dinge zu romantisieren, wie Novalis es vorgeschlagen hat: „ Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisiere ich es. (Novalis)
  3. In der dritten Verszeile wird das dann konkretisiert – und zwar mit den Mitteln der Jugendbewegung um 1900, was zeitlich sehr gut passt.
  4. Die letzte Zeile dann macht deutlich, dass hier zumindest ein gewisses Maß von Risiko und Opferbereitschaft gefordert wird, wie es auch zum Expressionismus passt, es muss ja nicht gleich in Krieg und Tod enden.
  5. Damit ist insgesamt eine Lösung gefunden, die vom Text des Gedichtes ausgeht, auf seiner Linie bleibt (nämlich der der Ziele), aber den Weg verändert, indem das schwer Realisierbare und vielleicht auch unnötig Aufwändige auf ein machbares Maß reduziert wird, ohne den Kern des Ausbruchs aus dem Kaffeehaus-Leben aufzugeben.

Anmerkungen zu dieser Lösung:
  1. Grundlage der Lösung – Ansatzpunkt: Selbstkritik – ausgehend von der Parallelität der Fenstersituationen
  2. Das wird dann näher ausgeführt.
  3. Reaktion daraus: Raus aus dieser Situation des ewigen Um-sich-selbst-Kreisens.
  4. Konkretisierung: Weg der Gesellen mit dem Ziel der Gesellschaft
  5. Gesamteinschätzung der Lösung: Hier ist es anders, weil gleich mit einer Richtungsänderung begonnen wird, und zwar einer radikalen. Darüber wird noch kurz nachgedacht, bevor eine eigene Lösung entwickelt wird, die ein Element des Gedichtes, nämlich die beiden Gesellen, die mit ihren Liedern ja die ganze Gedicht-Fantasie tragen, aufnimmt und nun auch für das Lyrische Ich real nutzt.

Ein Gegengedicht schreiben - zum Beispiel zu Eichendorff, "Sehnsucht"

Neben der Möglichkeit, eine Strophe dranzuhängen, gibt es natürlich auch die Möglichkeit, ein Gegengedicht oder etwas Ähnliches zu schreiben. Der entscheidende Unterschied ist, dass man sich von dem bestehenden Text distanziert, ihn zwar aufnimmt, ihm aber etwas Eigenes entgegensetzt.

Wir versuchen das hier mal am Beispiel des Gedichtes "Sehnsucht" von Eichendorff.

Ich lese ach bei Eichendorff
von Sehnsucht viel und von Gesellen
Problem ist nur, es wird nichts draus
Wenn man nur lauscht und nicht die Koffer packt.

Da sind wir heute anders drauf
(...)

Der Vorteil eines solchen Ansatzes ist, dass Schüler, die ein Gegengedicht schreiben sollen, nicht komplett vor einem leeren Blatt sitzen, sondern schon mal einen Anfang finden, den sie entweder weiterschreiben oder auch abändern können.
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